nach oben

Testament-Ratgeber für Geschiedene

Das sollten Geschiedene bei der Estelliung des Testaments beachten

Geschiedenen Leuten ist oft nicht bewusst, dass sich bei gemeinsamen Kindern mittelbar eine Beteiligung am Nachlass des anderen ergeben kann. Stirbt nämlich nach dem Tod eines Geschiedenen ein gemeinsames Kind, das weder ein Testament noch Abkömmlinge hinterlässt, so würde der geschiedene Ehegatte nach der gesetzlichen Erbfolge als leiblicher Elternteil Erbe des Kindes werden. Der Ex-Partner hätte dann Zugriff auf den Nachlass des gemeinsamen Kindes und wäre so mittelbar auch am Nachlass des geschiedenen Ehegatten beteiligt. Will der geschiedene oder der getrennt lebende Ehegatte dies verhindern, muss er ein sogenanntes „Geschiedenentestament“ errichten. Diese spezielle letztwillige Verfügung ist in erbrechtlicher Hinsicht außerordentlich komplex und erfordert präzise, wasserdichte Formulierungen.

 

Scheidungen und Statistik

Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamts endet in Deutschland etwa ein Drittel aller Ehen mit einer Scheidung. Bei rund der Hälfte aller Scheidungen ist mindestens ein Kind unter 18 Jahren vorhanden. Zwei Kinder sind bei gut einem Drittel der geschiedenen Ehen betroffen. Knapp zehn Prozent der geschiedenen Eheleute haben drei oder mehr Kinder unter 18 Jahren.

 

Scheidung und Erbrecht

Das gesetzliche Erbrecht der Ehegatten (Einzelheiten dazu finden sie hier) endet nicht erst durch eine rechtskräftige Scheidung, sondern bereits durch den Scheidungsantrag eines oder beider Partner (§ 1933 BGB). Jeder Ehepartner, der ein Einzeltestament zugunsten seines Ehepartners geschrieben hat, wird das Papier spätestens bei einem Scheidungsantrag zerreißen oder widerrufen und dafür sorgen, dass der andere Ehepartner bei seinem Tod keinen müden Cent bekommt. Ein gemeinsames Ehegattentestament verliert mit dem Scheidungsantrag im Regelfall seine Gültigkeit (§ 2077 BGB). Nur in seltenen Ausnahmefällen kann ein Ehegattentestament die Ehe überdauern, wenn sich aus dem Wortlaut des Testamentes oder durch Auslegung ergibt, dass der Erblasser den Ehegatten auch im Fall der Scheidung bedenken wollte.

Tipp von Bernhard F. Klinger, Fachanwalt für Erbrecht und Spezialist für Testamentsgestaltung:

Nach dem Abschluss eines Scheidungsverfahrens sollten letztwillige Verfügungen, die ein Geschiedener vor oder nach der Heirat errichtet hat, überprüft und notfalls widerrufen werden. Da hierbei erbrechtliche Formalien zu beachten sind, sollte man sich hier unbedingt von einem Fachmann beraten lassen. Sollen letztwillige Verfügungen trotz der Scheidung weiter gelten, ist zu beachten, dass der geschiedene Ehegatte nur einen Erbschaftsteuerfreibetrag von 20.000 Euro in Anspruch nehmen kann und einem Erbschaftsteuertarif von 30 bis 50 Prozent unterliegt. Aus steuerlicher Sicht macht es somit keinen Sinn, den Ex-Partner letztwillig zu bedenken.

 

Unterhaltsansprüche und Erbfall

Verwandte in gerader Linie schulden kraft Gesetz im Falle der Bedürftigkeit Unterhalt. Diese Unterhaltsverpflichtung erlischt, wenn der Unterhaltsschuldner stirbt. Für den Unterhaltsanspruch des geschiedenen Ehegatten nach der Scheidung gilt aber folgende Besonderheit: Die im Scheidungsurteil festgelegte Unterhaltsverpflichtung geht auf die (gesetzlichen oder testamentarischen) Erben als Nachlassverbindlichkeit über (§ 1586b BGB). So haftet etwa die zweite Ehefrau eines geschiedenen Erblassers für die Unterhaltsansprüche der ersten Ehefrau. Hier sind allerdings zwei Einschränkungen zu beachten: Zum einen entfällt die Haftung des Erben, wenn der eigene angemessene Unterhalt des Erben gefährdet wäre (§ 1581 BGB). Zum anderen ist der Unterhaltsanspruch auf den „fiktiven“ Pflichtteilsanspruch des ehemaligen Ehepartners begrenzt. Der Erbe haftet also nicht über den Betrag hinaus, der dem Pflichtteil entspricht, der dem geschiedenen Ehepartner zustünde, wenn die Ehe nicht geschieden worden wäre.

 

Das Testament des Geschiedenen

Geschiedene, die mit ihrem Ex-Partner gemeinsame Kinder haben, legen in der Regel Wert darauf, dass der andere nicht an ihrem eigenen Nachlass beteiligt wird. Dies lässt sich durch ein Geschiedenentestament verhindern.

 

Muster „Geschiedenentestament“

Beispiel:

Als einziges Kind ist aus der Ehe von Max und Frauke Moormann Sohn Simon hervorgegangen. Ein Jahr nach der Scheidung der Ehe erleiden Frauke Moormann und ihr siebenjähriger Sohn Simon einen Verkehrsunfall, bei dem die Mutter noch am Unfallort und ihr Sohn Simon eine Woche später auf der Intensivstation stirbt. Da Frauke Moormann kein Testament errichtet hat, geht ihr gesamtes Vermögen, bestehend aus einer Wohnung, die ihr von ihrem Vater geschenkt wurde, und einem mühsam ersparten Aktiendepot, kraft gesetzlicher Erbfolge in der Sekunde ihres Todes auf ihren Sohn Simon als Alleinerben über. Da Simon kinderlos und ohne eigenes Testament eine Woche später stirbt, wird er kraft gesetzlicher Erbfolge von seinem Vater Max Moormann beerbt. Die Eigentumswohnung und das von Frauke Moormann ersparte Aktiendepot fallen damit auf dem Umweg über das gemeinsame Kind Simon an den geschiedenen Ehemann Max Moormann. Dieselben erbrechtlichen Wirkungen treten ein, wenn Sohn Simon 25 Jahre nach seiner Mutter ohne eigene Abkömmlinge und ohne Errichtung eines eigenen Testamentes stirbt. Wieder würde der gesamte Nachlass von Frauke Moormann mittelbar an den geschiedenen Ehemann fallen. Sofern Frauke Moormann dies verhindern will, sollte sie nach der Scheidung ein Testament errichten. In dieser letztwilligen Verfügung kann Frauke Moormann auch festlegen, dass der Nachlass, den der minderjährige Sohn Simon von Todes wegen erhält, nicht vom leiblichen Vater verwaltet werden darf.

Mein letzter Wille

1. Ich, Frauke Moormann, geboren am 21.1.1961, derzeit wohnhaft in 80798 München, Augustenstraße 10, setze meinen Sohn Simon Moormann, geboren am 18.8.2002, zu meinem befreiten Vorerben ein. Nacherben sind seine Kinder, untereinander zu gleichen Teilen. Wenn mein Sohn Simon kinderlos verstirbt, sind Ersatznacherben die Kinder meiner Schwester Sabine Fink, untereinander zu gleichen Teilen.

2. Wenn mein Sohn Simon zum Zeitpunkt meines Ablebens noch minderjährig ist, entziehe ich nach § 1638 Abs. 1 BGB seinem Vater Max Moormann das Vermögensverwaltungsrecht. Als Ergänzungspflegerin zur Ausübung des Verwaltungsrechts benenne ich meine Schwester Sabine Fink.

München, den 1.8.2009 Frauke Moormann

 

Ausschluss der Pflichtteilsrechte des leiblichen Elternteils

Die Anordnung einer Vor- und Nacherbfolge verhindert beim Tod des gemeinsamen Kindes nicht nur, dass das Vermögen an den anderen leiblichen Elternteil fällt. Mit dieser Gestaltung wird auch erreicht, dass der Ex-Partner beim Tod des gemeinsamen Kindes keinen Pflichtteilsanspruch gegen die Erben des Kindes geltend machen kann: Zwar haben Eltern beim Ableben eines kinderlosen Kindes an sich einen Pflichtteilsanspruch (§ 2303 Abs. 2 BGB). Bei einer Vor- und Nacherbschaft bildet aber der Nachlass, der an das gemeinsame Kind fällt, ein Sondervermögen, das bei der Berechnung des Pflichtteilsanspruchs des leiblichen Elternteils nicht in Ansatz gebracht wird. Der leibliche Elternteil kann dann den Pflichtteilsanspruch lediglich aus dem Eigenvermögen des Kindes berechnen, das im Regelfall relativ gering oder gleich null sein wird.

Einzelheiten zum Pflichtteilsrecht finden Sie hier.



Auszeichnungen:

Magazin FOCUS
Magazin Wirtschaftswoche

Fachbuchautor:

Beck Verlag
Linde Verlag - Stern-Ratgeber

Mitglied:

Netzwerk Deutscher Erbrechtsexperten e.V.
Netzwerk Deutscher Testamentsvollstrecker e.V.