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Annahme und Ausschlagung einer Erbschaft

Wer durch die gesetzliche Erbfolge oder durch eine letztwillige Verfügung des Todes wegen als Erbe eines Nachlasses vorgesehen ist, ist nicht gezwungen, diese Erbschaft auch anzunehmen. Vielmehr steht es jedem Erben frei, die Erbschaft auszuschlagen.

Wir informieren Sie in diesem Beitrag darüber, was Sie bei der Erbausschlagung beachten müssen, welche Folgen sie hat und wann sie sinnvoll sein kann.

Erbe annehmen oder ausschlagen? - Das Wichtigste in Kürze

  • Die Annahme einer Erbschaft muss nicht ausdrücklich erklärt werden. Wer durch die gesetzliche Erbfolge oder per Testament als Erbe eingesetzt wird, tritt automatisch in die Erbenstellung ein.
  • Ist eine Erbschaft erst einmal angenommen, kann diese Annahme nur unter sehr engen Voraussetzungen angefochten werden.
  • Die Ausschlagung einer Erbschaft muss gegenüber dem Nachlassgericht frist- und formgerecht erfolgen.
  • Die Frist zur Ausschlagung der Erbschaft beträgt sechs Wochen ab Kenntnis des Erbfalls.
  • Für die Ausschlagung einer Erbschaft fallen relativ geringe Kosten an. Diese orientieren sich am Nachlasswert.
  • Insbesondere bei einem überschuldeten Nachlass kann die Ausschlagung einer Erbschaft sinnvoll sein.

1. Muss eine Erbschaft explizit angenommen werden?

Wer kraft der gesetzlichen Erbfolge oder durch ein Testament als Erbe berufen ist, tritt nach § 1942 Abs. 1 BGB automatisch in die Erbenstellung ein. Es ist also nicht nötig, dass der Erbe die Annahme der Erbschaft ausdrücklich erklärt. Diesen automatischen Anfall der Erbschaft nennt man auch „Vonselbsterwerb“.

Jeder (gesetzliche oder testamentarischer) Erbe wird also mit dem Tod des Erblassers automatisch dessen Rechtsnachfolger.

Expertentipp von Bernhard F. Klinger, Fachanwalt für Erbrecht in München

Der Vonselbsterwerb ist nicht für jede Rechtsordnung typisch. In vielen ausländischen Rechtsordnungen muss eine als Erbe vorgesehene Person die Erbschaft ausdrücklich annehmen, um tatsächlich Erbe und Rechtsnachfolger des Erblassers zu werden. Bei einem Erbfall mit Auslandsbezug sollten Sie also unverzüglich die Hilfe eines Fachanwalt für Erbrecht in Anspruch nehmen.

2. Wie kann eine Erbschaft angenommen werden?

Ein Erbe ist zur ausdrücklichen Annahme der Erbschaft nicht verpflichtet. Trotzdem kann die Erbschaft offiziell angenommen werden, beispielsweise durch Mitteilung gegenüber dem Nachlassgericht, dem Nachlassgläubiger oder anderen Miterben.

In der Praxis wird eine Erbschaft jedoch meist durch sogenanntes schlüssiges Verhalten angenommen: Tritt der Erbe in seinen Erklärungen und Handlungen als Erbe auf und bringt so deutlich zum Ausdruck, dass er die Erbschaft behalten möchte, liegt hierin eine schlüssige Annahme der Erbschaft begründet. Schlüssiges Verhalten seitens des Erbes liegt beispielsweise dann vor, wenn er einen Erbschein beantragt oder einen Gegenstand des Nachlasses veräußert.

Die Annahme einer Erbschaft erstreckt sich immer auf die gesamte Erbschaft (§ 1950 BGB). Es ist nicht möglich, nur einen Teil der Erbschaft anzunehmen und einen anderen auszuschlagen. Die Annahme der Erbschaft unter der Bedingung der Schuldenfreiheit oder nur für eine bestimmte Zeit ist nach § 1947 BGB nicht möglich. 

3. Ist die Annahme einer Erbschaft bindend?

Nimmt ein Erbe eine Erbschaft an, hat er nach § 1943 BGB kein Recht mehr, die Erbschaft auszuschlagen. Ein einseitiger Widerruf über die Annahme einer Erbschaft ist nicht möglich. Allerdings ist es unter bestimmten engen Voraussetzungen möglich, die Annahme einer Erbschaft anzufechten:

  • Liegt ein Anfechtungsgrund nach den §§ 119 ff. BGB vor, ist die Anfechtung der Erbschaftsannahme möglich. Anfechtungsgründe sind ein Inhalts- oder Eigenschaftsirrtum, eine Täuschung oder Drohung.
  • Meist wird die Annahme einer Erbschaft angefochten, weil sich nach der Ausschlagungsfrist herausstellt, dass der Nachlass überschuldet ist.
  • Nach § 1954 Abs. 1 BGB ist eine Anfechtungsfrist von sechs Wochen einzuhalten.
  • Die Anfechtung der Erbschaftsannahme muss dem Nachlassgericht nach § 1955 BGB in Form einer Anfechtungserklärung zur Niederschrift oder in öffentlich beglaubigter Form abgegeben werden.

Lesen Sie auch: Haftung der Erben für Nachlassverbindlichkeiten

4. Wie kann der Erbe eine Erbschaft ausschlagen?

Für die Annahme einer Erbschaft ist keine besondere Form (Schriftform, notarielle Beurkundung) vorgesehen.

Die Ausschlagung einer Erbschaft muss hingegen in öffentlicher beglaubigter Form gegenüber dem Nachlassgericht oder bei einem Notar fristgemäß erfolgen. Das Recht zur Ausschlagung einer Erbschaft in § 1942 Abs. 1 BGB verankert. Von diesem Recht kann jeder Erbe Gebrauch machen, wenn er die Erbschaft zuvor nicht wirksam angenommen hat oder die Ausschlagungsfrist abgelaufen ist. 

5. Welche Frist ist für die Ausschlagung der Erbschaft einzuhalten?

Für die Ausschlagung einer Erbschaft ist eine Frist von sechs Wochen einzuhalten. Diese Frist beginnt nach § 1944 Abs. 2 BGB ab dem Zeitpunkt zu laufen, an dem der Erbe Kenntnis über die Erbschaft erlangt hat. Ist ein Erbe durch ein Testament oder einen Erbvertrag zum Erben berufen, beginnt die Ausschlagungsfrist also dann, wenn das Nachlassgericht ihn über die letztwillige Verfügung informiert hat (§ 1944 Abs. 2 BGB).

Die sechswöchige Frist verlängert sich auf sechs Monate, wenn der Erblasser seinen letzten Wohnsitz im Ausland hatte oder sich der Erbe bei Fristbeginn im Ausland aufgehalten hat (§ 1944 Abs. 3 BGB). 

Gesonderter Beitrag zum Erbfall mit Auslandsbezug

Das Nachlassgericht prüft in einem späteren Erbscheinverfahren (nicht also bereits bei Zugang der Ausschlagungserklärung), ob die Ausschlagung der Erbschaft form- und fristgerecht erfolgt ist.

Mehr zum Erbschein / Erbscheinverfahren erfahren Sie hier

Expertentipp von Bernhard F. Klinger, Fachanwalt für Erbrecht in München

Fällt eine Erbschaft einem minderjährigen Erben an, so kann diese nur von den beiden Elternteilen in Vertretung des Kindes ausgeschlagen werden (§ 1629 Abs. 1 BGB). Außerdem muss in diesem Fall die Genehmigung des Vormundschaftsgerichts vorliegen – es sei denn, das Kind ist deshalb Erbe geworden, weil ein Elternteil die Erbschaft ausgeschlagen hat (§ 1643 Abs. 2 BGB). 


6. Welche Folgen hat die Ausschlagung einer Erbschaft?

Die Erbausschlagung bezieht sich auf die ganze Erbschaft. Das bedeutet, dass der Ausschlagende auch den Anspruch auf seinen Pflichtteil verliert, insofern er zum Kreis der pflichtteilsberechtigten Erben gehört. Hiervon gibt es allerdings Ausnahmen:

  • Mit der Erbschaft wird so verfahren, als hätte der Ausschlagende zum Zeitpunkt des Erbfalls nicht gelebt (§ 1953 Abs. 2 BGB).
  • Ein überlebender Ehegatte, der mit dem Erblasser im Güterstand der Zugewinngemeinschaft gelebt hat, hat auch dann noch Anspruch auf einen Pflichtteil, wenn er die Erbschaft ausschlägt.
  • Ein pflichtteilsberechtigter Erbe hat ein Wahlrecht zwischen der Erbschaft und dem Pflichtteil, wenn der Erbteil mit einer Beschwerung oder Beschränkung belastet ist. Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn das Erbe mit einem Vermächtnis oder einer Auflage einhergeht, ein Nacherbe eingesetzt, ein Testamentsvollstrecker ernannt oder es durch eine Teilungsordnung beschränkt ist.

7. Welche Kosten entstehen für die Ausschlagung einer Erbschaft?

Für die Ausschlagung einer Erbschaft fallen relativ geringe Kosten an. Diese richten sich nach § 45 KostO und betragen eine Viertelgebühr, die anhand des Nachlasswertes berechnet wird. 

8. Wann ist die Ausschlagung einer Erbschaft sinnvoll?

Die Ausschlagung einer Erbschaft kann aus verschiedenen Gründen sinnvoll sein. Am häufigsten entscheiden Erben sich für die Erbausschlagung, wenn der Nachlass offensichtlich überschuldet ist. Für Schulden des Erblassers müssen die Erben nämlich gegebenenfalls auch mit ihrem Privatvermögen haften. Allerdings gibt es auch noch andere Gründe, die eine Ausschlagung der Erbschaft nahelegen.

9. Können Gläubiger des Erblassers in das Privatvermögen des Erben vollstrecken?

Sie haben Fragen zur Annahme oder Ausschlagung einer Erbschaft oder sind sich nicht sicher, wie Sie in Ihrem individuellen Fall vorgehen sollen?

Dann nehmen Sie jetzt Kontakt zu mir auf – als Fachanwalt für Erbrecht unterstütze ich Sie gern bei jeglichen Fragen und Problemen.

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